URL: www.caritas-zentrum-kaiserslautern.de/aktuelles/presse/wie-man-parolen-die-stirn-bietet-14e4f9cb-334c-488f-99d5-d88e409a00c7
Stand: 20.11.2015

Pressemitteilung

Wie man Parolen die Stirn bietet

Axel Schindler im RollenspielIm Rollenspiel erfahren Ehrenamtliche, wie Vorurteile entstehen und wie man ihnen Paroli bietet. Friederike Jung / Caritasverband Speyer

Sie fallen uns am Arbeitsplatz und im privaten Umfeld unangenehm auf: diskriminierende Äußerungen, platte Sprüche, Hetzreden und abwertende Vorurteile. Manchmal sind die Bemerkungen  sogar Demokratieverachtend. Darauf adäquat, zu reagieren ist nicht immer einfach. Das "Argumentationstraining gegen Parolen", das am 10. Mai 2019 im Mehrgenerationenhaus des Caritas-Zentrums Kaiserslautern stattfand,  will Ehrenamtliche durch die Reflektion verschiedener Strategien unterstützen.

"Flüchtlinge gefährden das christliche Abendland.",  "Die wollen nur abkassieren.",  "Sie sind kriminell und bringen die Frauen in Gefahr", "Homosexuelle sind doch krank." Die Pinnwand füllte sich im Nu mit Beispielen für abwertende Sätze. "Wenn ich so etwas höre, würde ich gern Paroli bieten, bin aber oft so überrumpelt, dass ich nicht weiß, was ich erwidern soll", sagt Gertraud Schindler. Die 76-Jährige ist in der Pfarrei Hl. Martin  Kaiserslautern Mitglied im Caritas-, Liturgie- und Ökumene-Ausschuss. Wie ihr geht es auch den anderen Teilnehmern des Workshops: Sie machen die Erfahrung, dass ihnen populistische Hetztiraden geradezu die Sprache verschlagen. Daher möchten sie Strategien lernen, die helfen, zu reagieren.

Dazu sollte das Argumentationstrainings beitragen, das sich an einem Konzept von Professor Dr. Klaus-Peter Hufer orientiert. "Wir werden gemeinsam schauen, welchen Hintergrund  Parolen haben und welche Möglichkeiten es gibt, sie zu widerlegen", erklärte Martina Gemmar, Mitarbeiterin des Caritasverbandes Speyer und Leiterin des Workshops. Zum Einstieg lud sie die Teilnehmenden ein, über einschlägige Erfahrungen zu berichten. Die Liste war lang und hatte weitgehend Flüchtlinge zum Thema. Doch was sind Parolen überhaupt?  Schnell zeigte sich, Aussagen dieser Art haben bestimmte Kennzeichen: Sie schüren die Angst, sind unsachlich, verallgemeinernd, abwertend und stereotyp. "Sie zielen auf eine Abgrenzung zwischen 'wir und die anderen' ab", so Gemmar.

Im Rollenspiel üben Teilnehmer, auf abwertende Sätze zu reagieren. Parolen die Stirn zu bieten - darum ging es im Rollenspiel beim Workshop für Ehrenamtliche des Mehrgenerationenhauses. Friederike Jung / Caritasverband für die Diözese Speyer

Doch wie entstehen überhaupt Vorurteile?  Sie sind eine Frage der Sozialisation und der Ausbildung, sagten die einen. Andere führten sie auf einen Mangel an objektiven Informationen und eigenen Erfahrungswerten zurück. Alle waren sich einig: Menschen, die sie hegen und sich in Parolen ergehen, legen keinen Wert darauf, ob ihre Behauptungen stimmen. Viele neigten dazu, sich in einer Wortflut zu ergehen und von einem Thema zum nächsten zu springen. Wie man ihnen den Wind aus den Segeln nimmt, wurde in Rollenspielen geprobt.

Als Erste erklärte sich Dorothea Küppers-Lehmann bereit, den Part zu übernehmen, in dem es darum geht, Parolen zu äußern. Von Beruf Psychologin, ist sie mit dem Ehrenamt der bischöflich Beauftragten für Missbrauch betraut, tat sie sich in ihrer Rolle mit dem Äußern von extremen Aussagen schwer. Dennoch hielt sie ihr Gegenüber in Schach - der Gesprächspartner hatte es nicht leicht. Ebenso beim zweiten Rollenspiel, denn Axel Schindler ließ in der Rolle des selbstgerechten Sprücheklopfers keine noch so platte Pauschalierung aus. Sein Rededuellant hatte Mühe und Not, sich Gehör zu verschaffen. Dabei blieb er ruhig, ließ sich nicht provozieren. Ein gutes Gefühl hatte er am Ende des verbalen Schlagabtauschs trotzdem nicht. Woran das liegen kann, zeigte sich in der anschließenden Reflexion.

"Das Problem ist, dass Parolen kurz und knapp sind, während die dahinterstehenden Themen komplex sind und daher eine entsprechend differenzierte Gegenantwort verlangen. Daran ist das Gegenüber aber meist nicht interessiert", führt Martina Gemmar aus. Was also kann helfen? Die Antworten sind vielfältig: Gesprächsregeln einfordern, sachlich bleiben, Nachhaken, Widersprüche aufzeigen, eigene Erfahrungen einbringen, auf Fehlinformationen und Wissenslücken hinweisen. "Dabei aber nicht moralisierend und überheblich auftreten, das ruft beim anderen nur Widerstand auf den Plan. Besser ist es, die Diskussion mit etwas Humor zu entschärfen", riet Martina Gemmar. "Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie gegen eine Wand  reden oder sich das Gespräch im Kreis dreht, beenden Sie es einfach. Auch das ist möglich."

Obwohl sich am Ende des Workshops zeigt, dass es keinen Königsweg im Umgang mit Parolen gibt, nehmen die Teilnehmer neue Aspekte und hilfreiche Anregungen mit auf den Weg. "Ich weiß jetzt besser, worauf ich achten muss. Bei mir und bei den anderen", meint Axel Schindler, und Dorothea Küppers-Lehmann ist froh "um die gewonnenen Einblicke, die mir auf jeden Fall etwas bringen."

Den Parolen etwas entgegenzusetzen, war Ziel des Argumentationstrainings, das der Diözesan-Caritasverband Speyer im Rahmen des Projekts "Zusammenhalt durch Teilhabe - gelebte Demokratie" angeboten hatte. Mit dem Projekt, das verschiedene Veranstaltungen umfasst, sollen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter des Caritasverbandes Speyer für eine demokratische Haltung sensibilisiert werden - eine Haltung,  die für Diskriminierung und Ausgrenzung keinen Raum lässt und für eine gleichwertige und -berechtigte Teilnahme aller Menschen in der Lebens- und Arbeitswelt steht.  Das Projekt wird vom Bundesprogramm "Zusammenhalt durch Teilhabe" des Bundesinnenministeriums (Regiestelle: Bundeszentrale für politische  Bildung) gefördert.  

Text und Bilder: Friederike Jung für den Caritasverband für die Diözese Speyer

Copyright: © caritas  2019