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Stand: 20.11.2015

Pressemitteilung

Plakativ, eindimensional, verallgemeinernd, irrational und emotional

Sie fallen nicht nur in bierseliger Laune: plumpe Sprüche, abwertende Äußerungen und dumpfe Vorurteile, die sich gegen Flüchtlinge, Homosexuelle und andere Minderheiten richten. Verbale Entgleisungen, die oft sprachlos machen. Ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen soll helfen, schlagfertig darauf zu reagieren und Phrasenschwingern Paroli zu bieten.

„Schwule Männer missbrauchen Kinder.“ „Behinderte sind dumm.“ „Die Flüchtlinge wollen doch nur abkassieren und uns den Islam aufdrücken.“ Die Seiten des Flipcharts füllen sich im Nu mit diskriminierenden Vorurteilen, die in der Kantine, im Bus und manchmal sogar im Familienkreis gehandelt werden. Ihnen wirkungsvoll zu begegnen und Flagge zu zeigen, das wollen die 17 Frauen und Männer, die sich am 25. Juni im Mehrgenerationenhaus Kaiserslautern versammelt haben. Aber das ist leichter gesagt als getan. 

Stammtischparolen die Stirn bieten
Hans-Jürgen Ladinek erklärt, wie sich Sprüchedrescher entlarven lassen 

„Meist genügen schon ein paar Worte, und bei mir schrillen die Alarmglocken. Dann möchte ich gern eingreifen. Aber derartige Äußerungen machen mich so fassungslos, dass es mir schwer fällt, spontan darauf zu reagieren“, berichtet eine Teilnehmerin, die sich wie etliche aus der Runde in der Flüchtlingshilfe engagiert. „Anschließend habe ich das Gefühl, versagt zu haben, weil mir einfach die entsprechende Strategie fehlt.“ Das soll sich mit Hilfe des Argumentationstrainings, zu dem der Caritas-Fachdienst Migration und Integration Kaiserslautern im Rahmen des Flüchtlingsprojekts BIK eingeladen hat, ändern. „Seine Kernaufgabe ist es, den Hintergrund von Vorurteilen zu beleuchten und zu vermitteln, wie sich Sprüchedrescher entlarven und ihre Äußerungen entkräften lassen. Es soll Mut machen, Stellung zu beziehen“, sagt Hans-Jürgen Ladinek, der gemeinsam mit Andrea Barie das Seminar leitet. Als Kommunikationstrainer wissen beide jedoch auch, wie schwierig es ist, sich wirkungsvoll gegen Stammtischparolen zur Wehr zu setzen. „Vor allem, wenn sie aus dem nahen Umfeld kommen oder gefühlsmäßige Beziehungen mit im Spiel sind. Schließlich will man weder den Chef verprellen noch ein Familienmitglied verletzen.“ 

Deshalb werden als erstes einschlägige Erfahrungen der Teilnehmer gesammelt. In welchen Situationen fühlen sie sich besonders hilflos? Und was sind Stammtischparolen überhaupt? Schnell wird klar, Aussagen dieser Art haben bestimmte Kennzeichen: Sie sind plakativ, eindimensional, verallgemeinernd, irrational und emotional. Angebracht werden sie von Menschen, denen Fakten ebenso unwichtig sind, wie Differenzierung und logische Zusammenhänge. Aber wie kann man ihnen den Wind aus den Segeln nehmen? 

 In einem Rollenspiel wird es geprobt. Die Rahmenhandlung und Rollenverteilung gibt Ladinek vor. Fünf Mitarbeiter der Stadtverwaltung sitzen beim Mittagessen in der Kantine. Gesprächsthema Nummer eins sind die Flüchtlinge. „Sie machen sich in unseren Turnhallen breit und wir können sehen, wo wir bleiben“, poltert der eine. „Denen trägt man alles hinterher, vor allem unser Geld“, stimmt sein Gegenüber zu. „Genau, nix gelernt, aber Ansprüche stellen. Und dann die vielen Männer. Wie die mit den deutschen Frauen umgehen, hat man ja in Köln gesehen.“ Drei aus der Runde hauen in dieselbe Kerbe, spielen sich Bälle zu und springen von Thema zu Thema. So lautstark, dass die beiden Frauen, die den Gegenpart vertreten sollen, auf verlorenem Posten stehen. Es bleibt bei schwachen Versuchen, sich Gehör zu verschaffen. „Wir sind einfach nicht gegen sie angekommen, die sind uns ständig ins Wort gefallen“, ziehen sie Bilanz. Woran es gelegen hat, wird in der anschließenden Reflexion deutlich. 

„Vornehme Zurückhaltung hilft in solchen Gesprächen nicht weiter, da muss man auch selbst seine Stimme erheben“, rät Andrea Barie, die seit fünf Jahren als Argumentations- und Zivilcouragetrainerin tätig ist. Außerdem sei es wichtig, Gesprächsregeln einzufordern und auch körperlich Haltung zu zeigen, ergänzt Hans-Jürgen Ladinek. „Hauen Sie ruhig mal auf den Tisch oder tun Sie etwas Unerwartetes, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Suchen Sie sich Verbündete, gemeinsam sind Sie stärker. Und stellen Sie Fragen, bohren und haken Sie nach. Dann stehen die Chancen gut, dass den Phrasendreschern irgendwann die Luft ausgeht. Denn ihre Parolen sind meist nicht fundiert, sondern ein Mix aus Verdrehungen, Unwahrheiten und Mutmaßungen“, gibt der pensionierte Ludwigshafener Kriminalhauptkommissar dem Plenum mit auf den Weg. 

 Zwar können die beiden Argumentationstrainer nicht garantieren, dass die Strategien immer funktionieren. „Aber ich bin froh, einige Tipps in petto zu haben, wenn mir mal wieder latenter Rassismus begegnet“, sagt Astrid Haas, Mitarbeiterin im Mehrgenerationenhaus.

Text und Foto: Friederike Jung

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