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Stand: 20.11.2015

Pressemitteilung

“Nicht jeder Alkoholiker ist abstinenzfähig“

Mitarbeiter Toni Moog geht in den RuhestandToni Klein-Moog konnte von dem Balkon vor seinem Büro auf die Kirche St. Martin blicken. Aber in dem Büro wird er nach dem Beginn seines Ruhestandes nicht mehr arbeiten – nach 38 Jahren bei der Caritas. Friederike Jung / Caritas-Zentrum Kaiserslautern

Er ist ein Urgestein des Caritasverbandes für die Diözese Speyer: 38 Jahre lang hat Toni Klein-Moog für die Caritas gearbeitet, davon eine lange Zeit in der Suchtberatung des Caritas-Zentrums Kaiserslautern. Nun geht Toni Klein-Moog in die Altersteilzeit - mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

In seinem Büro stehen die Zeichen auf Aufbruch. Das meiste ist in Kartons verpackt. Die Wände sind leer. Nur der Schreibtisch verrät, dass Toni Klein-Moog auch an den letzten beiden Tagen seiner Berufstätigkeit noch etwas zu tun hat. "Es ist schon ein seltsames Gefühl, jetzt, wo der Abschied greifbar nah ist. Manches wird mir fehlen, andererseits ist es Zeit, mehr Muße für andere Dinge zu haben, solange ich noch einigermaßen fit bin", sagt Klein-Moog und verweist auf sein Alter von 64 Jahren. So alt ist er an diesem Montag geworden. Und so beginnt mit dem neuen Lebensjahr auch ein neuer Lebensabschnitt - fernab der Suchtberatung, in die er in den vergangenen zehn Jahren viel Engagement investiert hat. 

Etwa 100 der 350 Kunden, die pro Jahr die Stelle aufsuchen, betreute er. "Dabei sind alle Gesellschaftsschichten vertreten, denn Sucht macht auch vor akademischen Kreisen nicht halt. Sie ist meist Ausdruck von anderem, wie persönlichen Problemen oder psychischen Störungen. Nicht alle Kunden kommen aus eigenem Antrieb, manche brauchen Druck von außen, von der Familie, dem Arbeitgeber oder Hausarzt. Aber dass jemand überhaupt kommt, ist schon ein wichtiger Schritt."

Noch immer sei das Thema schambesetzt. Die Stigmatisierung von Betroffenen sei  aber zurückgegangen, da Sucht zunehmend als anerkannte Krankheit akzeptiert werde. Mehr als zwei Drittel der Kunden seien männlich, wobei sich der Anteil der Frauen über die Jahre vergrößert habe. Suchtmittel Nummer eins sei nach wie vor Alkohol. Teils Hand in Hand mit psychischen Erkrankungen, die immer mehr zunehmen. Aber auch Abhängigkeit von THC, Amphetaminen und Tabletten spiele eine Rolle. "Chrystal Meth dagegen kaum, zumindest in unserer Region. Allerdings sind die sogenannten Kräutermischungen, die im Internet angeboten werden, auf dem Vormarsch. So harmlos ihr Name klingt, so gefährlich sind sie, zumal ständig ihre Rezeptur geändert wird. Sie können schlimmstenfalls zum Tod führen, das haben hier zwei Fälle gezeigt." Auch Verhaltenssüchte, wie Essstörungen, Online- und Glückspielsucht seien in den vergangenen Jahren verstärkt zu verzeichnen. 

Hat sich denn in der Suchtberatung etwas verändert? "Ja, unbedingt. Früher war die totale Abstinenz das erklärte Ziel. Ein Rückfall wurde als Rückschritt in das alte Muster gewertet. Heute sieht man das, etwa bei Alkohol, als Trinkereignis, nimmt den Auslöser und das Geschehen in den Blick und schaut, was der Betroffene alternativ tun kann, wenn der Druck groß ist", erklärt der studierte Sozialarbeiter und -pädagoge. "Ein Rückfall bedeutet nicht mehr das große Chaos, es kann trotzdem weitergehen auf dem Weg der Gesundung." 

Außerdem hätten wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass nicht jeder abstinenzfähig ist. "In solchen Fällen gibt es das Programm des kontrollierten Trinkens. Dabei sollen die Betroffenen lernen, die Kontrolle über ihr Trinkverhalten zu gewinnen, mit dem Ziel, den Konsum von einer ganzen Flasche Wein auf ein Viertel zu reduzieren. Das ist ein anderes Betrachten der Sucht." 

Die Suchtberatung startet mit einem Erstgespräch, in dem die Situation abgeklopft und ein Plan für das weitere Vorgehen entworfen wird. "Manche schaffen es mit Unterstützung durch unsere Stelle und die von einer Selbsthilfegruppe. Andere machen eine stationäre oder ambulante Entwöhnung. Im Anschluss betreuen wir die Kunden mit 20 Nachgesprächen weiter. Für mich war es immer wieder schön, zu sehen, wenn sich die Lebenssituation eines Menschen positiv verändert hat."

Nicht immer war Toni Klein-Moog in der Suchtberatung tätig. Nach dem Studium der Sozialarbeit/-Pädagogik an der evangelischen Fachhochschule in Berlin absolvierte er das Anerkennungsjahr auf dem Jugendamt in Pirmasens. 1982 führte ihn der Weg ins Caritas-Förderzentrum St. Christophorus Kaiserslautern, ein Haus der Wohnungslosenhilfe, und damit zum Caritasverband für die Diözese Speyer. "1996 hat sich die Möglichkeit geboten, in die Suchtberatung des Caritas-Zentrums zu wechseln. Allerdings nur für zwei Jahre, da es sich um die Vertretung einer Kollegin während der Elternzeit handelte. Danach siedelte ich innerhalb des Hauses in die Allgemeine Sozialberatung um und kehrte 2010 in die Suchtberatung zurück."

Der Abschied fällt Toni Klein-Moog nicht ganz leicht. Auch wenn er jetzt mehr Zeit für das Reisen, die Enkel und die Fotografie haben wird. "Der Schritt in die Alterszeit ist noch immer etwas irreal. Manche sagen: Super, jetzt hast du es geschafft! Diesen Gedanken habe ich nicht. Ich habe immer gern gearbeitet und das mit einem netten Kollegium. Unsere Espresso-Runde in der Mittagspause werde ich vermissen. Die war die beste Intervision. Denn Empathie wird hier nicht nur den Kunden gegenüber geübt, sondern auch im Haus selbst gelebt."

Text und Foto: Friederike Jung



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